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Nichts ist für immer

 

Den heutigen Beitrag möchte ich mit einer Geschichte aus meinem Leben beginnen und ich warne dich gleich vor: es wird ein wenig melancholisch...

 

Aber bleibe dran, denn wir sprechen auch über die wichtigen Dinge im Leben und enden mit positiver Stimmung und dem Aufruf, das Leben voll und ganz zu genießen!

 

Zum Lesen & Hören!

Die Geschichte...

Heute Morgen habe ich geweint als ich ein Loch in einem meiner Socken entdeckt habe. Nein, nicht weil ich mir keine neuen kaufen kann, sondern weil diese Socken die letzten ihrer Art sind.

 

Meine Großmutter hatte eine Leidenschaft: Stricken. Am Liebsten - du kannst es dir sicher denken - Socken. Das hat bedeutet, dass wir zu Weihnachten, Geburtstag, Ostern,… immer selbstgestrickte, dicke, warme Socken bekamen. Wir, das ist meine Familie – ihre 6 Kinder, zahlreiche Enkel und später auch Urenkel inklusive Partner. Bei Oma lagen immer Wollknäuel und Socken in verschiedenen Entwicklungsstadien herum und so viel konnte man diese Socken gar nicht anziehen, als dass sie jemals kaputt gehen würden.  Bereits Anfang des Jahres durfte man sich die Farben für die jährliche Sockenration aussuchen. Ich erinnere mich, dass sich nach einigen Jahren so viele angesammelt hatten, dass ich sie der Caritas spendete, weil ich sie beim besten Willen nicht alle tragen konnte und ja ohnehin spätestens in zwei bis drei Monaten die nächsten kamen.

Dachte ich damals.

 

Irgendwann wurden die Farbkombinationen der Socken immer wilder. Sie hatten auch hin und wieder Löcher als ich sie bekam, weil Oma eine Masche verloren hatte und es ihr nicht aufgefallen war. Irgendwann saß sie verzweifelt über einem Paar und wusste nicht mehr weiter. Ihre Augen waren müde und die Demenz stahl sich langsam in ihr Leben. Dann gab es zu Weihnachten, zum Geburtstag und auch zu Ostern keine Socken mehr und ohne den ständigen Nachschub fiel plötzlich auf, dass sie doch nicht unzerstörbar waren.

 

Und heute habe ich ein Loch im letzten Paar entdeckt und geweint. Denn es wird keine neuen mehr geben. Ich wünschte es wäre mir vorher bewusst gewesen, dass dieser Zeitpunkt irgendwann kommen wird und ich wäre nicht so großzügig mit den wunderschönen Geschenken meiner Oma umgegangen. Ich wünschte ich hätte sie mehr geschätzt, gehegt und gepflegt. 

 

Aber ist es nicht mit allen Dingen so? Wir erkennen ihren Wert erst, wenn sie für immer verloren sind. Ich wünschte mir, dass irgendjemand mich darauf aufmerksam gemacht hätte, dass es die Socken nicht immer geben wird. Aber, hätte ich es tatsächlich geglaubt?

Wie oft lächeln wir milde, wenn uns ältere Verwandte sagen, dass alles vorbeigeht und wir unser Leben, unsere Gesundheit und unsere Möglichkeiten mehr genießen sollen?  Wie oft halten wir uns für unsterblich und unverwundbar?  Wie oft lassen wir Augenblicke ungenutzt verstreichen, weil es ja noch so viele gibt?

Lass mich dir heute sagen: irgendwann sind die Momente verloren und deine Socken haben Löcher - und du wirst dir wünschen, es früher verstanden zu haben.

das Leben ist vergänglich

Dies ist eine wahre Geschichte, die nicht nur durch meine Oma inspiriert wurde, sondern auch durch meine Tätigkeit als Seelsorgerin im Krankenhaus. Seit kurzem besuche ich dort unter anderem die Post-Covid-Patienten, also jene, die nach einem sehr schweren Krankheitsverlauf zur Rehabilitation kommen. Ich habe mich ein wenig davor gefürchtet, denn ich war mir gar nicht sicher ob ich sehen wollte, wie schlimm diese Krankheit werden könnte und wie ich mit den Menschen umgehen sollte.

 

Aber weißt du was, es ist gar nicht schwer. Denn was ich bisher beobachten konnte ist, dass diese Menschen eines gemeinsam haben: eine unglaubliche Dankbarkeit für ihr Leben. Manche von ihnen standen an der Schwelle des Todes und haben noch einen sehr langen Weg zurück vor sich, aber sie alle sind zuversichtlich, dass sie den Weg zurück schaffen. In den Gesprächen kommt natürlich hin und wieder die Frage „Warum ich?“ auf – aber sofort gefolgt von „aber ich bin so froh, dass meine Familie verschont geblieben ist“. Eine Patientin erzählte mir freudestrahlend, dass sie heute zum ersten Mal den ganzen Gang mit dem Rollator entlanggehen konnte – ein Meilenstein in der Genesung.

 

Wie selbstverständlich nimmst du dein Leben?

Und das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Zusammen mit den eingangs erwähnten Sockenvorfall begann ich darüber nachzudenken, was ich alles als selbstverständlich betrachte und wie schnell es eigentlich weg sein kann.

Nun sollen wir jetzt nicht dauernd darüber nachdenken, dass unser Leben jeden Moment vorbei sein könnte, aber hast du dich schon einmal gefreut, dass du ohne Schmerzen gehen kannst und nicht nach 50 Metern nach Luft ringen musst?

 

Ist dir schon einmal bewusst geworden, dass der Mensch, über den du dich gerade so ärgerst vielleicht irgendwann einmal nicht mehr da ist? Nachdem mein Vater sehr plötzlich mit 50 verstorben war, hatte meine Mutter einmal traurig gesagt: „Jetzt habe ich nicht einmal mehr jemanden mit dem ich streiten kann.“ Diesen Satz werde ich nie vergessen.

Noch einmal 20 sein...

Vor kurzem habe ich mir an einem faulen, nebligen Sonntag ein paar Teenager Komödien auf Netflix angeschaut und mir dabei gedacht: „Mein Gott, ich wünschte ich wäre noch Mal 20 – ich würde so viel anders machen.“ Aber ganz ehrlich, vermutlich nicht. Denn das Problem ist, dass ich dann immer noch ich wäre, mit all meinen Unsicherheiten und Ängsten.

 

Leider können wir die Uhr ja nicht zurückdrehen und mit dem heutigen Wissen noch Mal 20 sein. Und vielleicht ist das auch ganz gut so, denn dann hätte ich vermutlich viele Lernaufgaben verpasst…

 

Ich ertappe mich in letzter Zeit auch immer häufiger dabei, dass ich meinen 30jährigen Freundinnen sage, sie sollen ihre Jugend mehr genießen, denn ab 40 geht es körperlich bergab. Und sie schauen mich dann immer mit dem gleichen Blick an, den ich meiner Mutter oder wohlmeinenden älteren Freundinnen zugeworfen hatte. Dieser: „Ja, ja, schon gut. Das ist ja noch ewig hin“-Blick. Vermutlich der gleiche Blick, den ich jetzt den 60jährigen zuwerfe, die mir sagen ich solle es genießen schmerzfrei zu sein. Denn wir glauben ja immer, dass uns das nicht trifft. Dass wir die Ausnahme sind und bis ins hohe Alter jung, fit und fröhlich sind.

 

Der Wert der Dankbarkeit

Aber wenn ich eines aus diesem letzten Pandemie Jahr gelernt habe, dann ist es die unglaubliche Dankbarkeit für den Moment. Die Dankbarkeit für unsere Freiheit. Wie selbstverständlich sind wir früher unbesorgt durch eine Menschenmenge spaziert? Haben Pläne für Veranstaltungen gemacht? Menschen umarmt? Hätte mir davor jemals jemand gesagt, dass das irgendwann nicht mehr möglich ist, hätte ich ihn ausgelacht.

 

Nun, wir wissen wirklich nicht was uns noch in diesem Leben bevorsteht, aber eines ist fix: irgendwann wird es enden. Irgendwann werden wir nicht mehr jung, aktiv und mobil sein und ich möchte mir dann nicht denken: „Ach hätte ich es nur früher gewusst“. Denn jetzt weiß ich es. Ich weiß, dass sich das Leben sehr schnell sehr gravierend verändern kann und dass dann alles hadern und wünschen nichts nützt.

 

Also genieße ich den Luxus der Gesundheit, der Sicherheit, des Wohlstandes jetzt. In dieser Minute und freue mich über alles was gerade da ist. Ich freue mich auf alles was noch kommen wird und sammle Kraft für die Tage an denen es vielleicht ein wenig schwierig sein kann. Auch wenn es nie rund um die Uhr gelingen wird, das eigene Leben zu schätzen – schließlich bin ich immer noch ein Mensch – möchte ich zumindest einmal am Tag dankbar sein für das was ist. Genießen was ich heute habe. Menschen in meinem Leben schätzen und lieben. Damit ich nicht irgendwann traurig sein muss, weil ich jetzt niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

Wie siehts aus – bist du dabei?

  • Wofür kannst du heute dankbar sein?
  • Was oder wen würdest du vermissen, wenn es plötzlich nicht mehr da wäre?
  • Was würdest du in 20 Jahren deinem heutigen ich raten?

 

Ich wünsche dir einen wundervollen Tag und freue mich von dir zu hören!

Alles Liebe,

Angelika

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