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Was ist schon normal?

 

 

Denkst du dir manchmal: "Na das ist aber nicht normal!" 

Oder fragst du dich sogar: "Bin ich eigentlich noch normal?"

 

Lass uns heute darüber sprechen, was Normalität ist und warum unser kleinen Eigenheiten ganz in Ordnung sind.

 

Auch  heute wieder zum Hören und Lesen.

Die Inspiration - wir wollen alle nur Liebe

Vor kurzem habe ich auf YouTube eine Serie entdeckt, die mir sehr gut gefallen hat: „The Undateables“. Es geht dabei um eine Partneragentur, die sich konkret um Menschen mit Beeinträchtigungen kümmert: Menschen mit Autismus, Asperger Syndrom, Genmutationen, die die Gesichtsstruktur verändern und viele andere Dinge, die sie angeblich „undateable" - also unvermittelbar machen.

 

Was mich daran so berührt hat, ist die Tatsache, dass alle nur Liebe wollen. Dass sie einen einzigen Menschen wollen, der sie so annimmt wie sie sind. Auch wenn sie nicht der Norm entsprechen. Sie waren entzückend bei den ersten Dates: die Männer perfekte Gentlemen, die Frauen nervös und schüchtern – ganz normal eben. Wobei halt, ist es denn normal, dass Männer beim ersten Dates Gentlemen sind und der Frau Blumen mitbringen? Dass sie sich vorher Fragen überlegen und sich bemühen nicht zu sehr über sich selbst zu sprechen? Nicht wirklich, oder? Also – was ist schon normal?

 

Normalität in der Gesundheit

In meinen Gesundheitsseminaren erzähle ich immer sehr ehrlich von mir und meinem Leben und oft höre ich den Satz „Das ist jetzt aber nicht normal, oder?“ und auch da antworte ich: „Keine Ahnung, was ist schon normal?“

 

Falls du dich auch hin und wieder fragst „Bin ich noch normal?“, dann kann dir dieser Beitrag heute ein paar Vergleichsmöglichkeiten geben und vielleicht ist es ja gar nicht erstrebenswert „normal“ zu sein.

 

Zurück zu obigem Beispiel. In meinem Seminarangebot befindet sich auch das Thema „Besser schlafen“, da Schlafprobleme mittlerweile immer mehr zu nehmen und ein ernstzunehmendes Zeichen für zu hohe Stressbelastung ist. Ich frage dann zu Beginn unter anderem: „Wer wird in der Nacht mindestens ein Mal wach?“ Darauf heben sich immer alle Hände, inklusive meiner. Die zweite Frage lautet dann: „Und für wen ist das ein Problem?“ Da heben sich wieder alle Hände – außer meiner.

 

Ich werde jede Nacht mindestens einmal wach, oft mehrmals und trotzdem habe ich aus meiner Sicht kein Schlafproblem. Warum? Weil ich mich darüber freue. Ich bin gar nicht glücklich, wenn ich abends ins Bett gehe und bis zum Weckerläuten durchschlafe. Da fehlt mir nämlich dieses Glücksgefühl in der Nacht wach zu werden und zu wissen, dass ich noch ein paar Stunden schlafen kann. Besonders gerne werde ich so gegen 2 Uhr früh wach. Ich lausche dann in die Stille der Dunkelheit und fühle mich so unglaublich entspannt und geborgen. Die Zeit, die die meisten anderen fürchten, weil sie sich dann einsam fühlen, grübeln und Angst haben nicht mehr einschlafen zu können ist für mich die schönste. Es ist die Zeit, in der ich einfach nur sein kann, denn um 2 Uhr früh muss ich nirgends hin, ich muss auch keine Entscheidungen treffen und keine Antwort auf meine Probleme haben. Ich liege einfach da und höre meinem Atem und meinem Herzschlag zu.

 

Spätestens wenn ich das erzähle, kommt immer das obligatorische „Das ist nicht normal!“. Aber ist es normal um 2 Uhr früh wach zu liegen, sich zu sorgen und sich fertig zu machen, wenn man um diese Zeit ja ohnehin nichts ändern kann? Was also ist normal?

 

Um beim Schlafen zu bleiben: Manchmal gehe ich im Winter auch schon um 19:30 schlafen. Warum? Weil ich müde bin und es kann. Ich habe nicht das Bedürfnis den Tag künstlich durch Fernsehen zu verlängern und ich schlafe unheimlich gerne. Dann kann es schon Mal passieren, dass ich 12 Stunden oder mehr schlafe. Nicht jede Nacht, aber doch hin und wieder. Gemessen an gängigen Schlafempfehlungen, 8 – 10 Stunden, ist das also nicht normal. Aber für mich passt es, somit ist es meine Normalität.

Liebenswerte Eigenheiten

Vielleicht sagst du jetzt:" Naja, so ausgefallen ist das auch nicht, da habe ich ganz andere Dinge, die ich als nicht normal bei mir empfinde". Ok, dann kommen wir jetzt zu den Dingen, die man sonst nicht erzählt. Den „liebevollen Eigenheiten“, die von anderen leicht als komplette Spinnerei abgetan wird.

 

Ich schneide zum Beispiel Zwiebeln immer mit Sonnenbrille und Gummihandschuhen. Hast du das Bild im Kopf? Nicht normal oder? Aber ich mag es einfach nicht, wenn meine Hände nach Zwiebeln riechen und ich bilde mir ein, dass durch die Sonnenbrille die Augen weniger tränen.

 

Ich habe einen „stillen Tag pro Woche“. An dem kommuniziere ich mit niemandem, beantworte keine Telefonanrufe, mails oder SMS. Die einzigen Worte, die ich an einem solchen Tag sage sind „Nein ich habe keine JÖ Karte“, wenn sich ein Einkauf nicht vermeiden lässt. Ich brauche dies für meine geistige Gesundheit, da ich zu Nicht-Corona-Zeiten berufsbedingt immer sehr viel spreche und auch zuhöre.

 

Wann werden Eigenheiten zum Problem?

Wo ist die Grenze zwischen kleinen Eigenheiten und einem Problem? Beginnt es schon damit sich mehrmals die Hände zu waschen, aus Angst vor Keimen? Alleine hier hat sich die Messlatte durch Corona schon verschoben. Wie sieht es damit aus, 5 Mal zu schauen ob man den Ofen abgedreht hat, bevor man das Haus verlässt?

 

Die Grenze liegt da, wo es für den einzelnen zur Belastung wird. Vor kurzem habe ich eine Dokumentation über Menschen mit OCD, Obsessive Compulsive Disorder gesehen, also einem sehr starken Kontrollzwang. Hier entsteht ein Leidensdruck für die Person, dem man nur mit professioneller Hilfe begegnen kann.

 

Ich selbst überprüfe auch oft, ob der Ofen ausgeschaltet ist, bevor ich das Haus verlasse, sogar wenn ich gar nicht gekocht habe… Aber so hat es schon meine Mutter gemacht. Ich erinnere mich, dass sie immer noch Mal zurück gegangen ist um zu schauen alles abgeschaltet ist und sie die Zigarette ausgemacht hatte. „Sicher ist sicher“ ist ein Satz der mir seit der Kindheit im Ohr ist und der sich eingebrannt hat. Ich merke aber auch, dass ich in Stresszeiten verstärkt dazu neige zu schauen ob alles abgedreht und abgeschlossen ist – ein Versuch in unsicheren Zeiten ein bisschen mehr Kontrolle zu behalten. Wenn wir uns dessen bewusst sind und es in für uns gesunden Bahnen verläuft also eine ganz normale Reaktion auf die Umwelt.

Gedächtnislücken und Konzentrationsverlust

Oft höre ich den Satz „Ich glaube, ich bin nicht mehr ganz normal“ im Zusammenhang mit Gedanken und Gedächtnis. Eine Freundin erzählte mir vor kurzem, sie schafft es derzeit nicht einmal einen einzigen Zeitungsartikel konzentriert durchzulesen, da ihre Gedanken immer abschweifen. „Das ist doch nicht normal“ rief sie verzweifelt. Nun, im Hinblick darauf, dass sie sich gerade in einer sehr stressigen Zeit befindet und Stress nachweislich unsere Konzentrationsfähigkeit mindert, ist es sogar sehr normal.

 

Meine Mutter erzählt mir oft von Leuten, die sie in meiner Heimatstadt getroffen hat, mit denen ich zur Schule gegangen bin. “Na, der Robert aus der Volksschule erinnerst du dich? Dessen Vater Arzt war und in der Grüngasse gewohnt hat!“ und ich denke mir dann „Welcher Robert? Ich kann mich nicht erinnern…“ bis sie dann die Schulfotos herauskramt und mir zeigt, dass sie recht hat. Vor kurzem traf ich eine Frau, die mich freudestrahlend begrüßte, und mir amüsante Begegnungen aus der Zeit der Handelsakademie erzählte. Alles was ich denken konnte war, „Ich habe diese Frau noch nie gesehen“, ich kannte ihren Namen nicht und es war mir ein ganz großes Rätsel was sie von mir wollte. Aber alles was sie erzählte, stimmte. Das war so passiert. Ich hatte nur offensichtlich keinerlei Erinnerungen an diese Person. Nachdem das häufiger vorkommt, habe ich mich schon öfter gefragt „Ist das normal? Stimmt etwas mit meinem Gedächtnis nicht?“ Aber dann denke ich mir wieder, dass mein Gehirn offensichtlich nur begrenzte Speicherkapazität hat und einige Situationen und Begegnungen einfach gelöscht hat. Schade nur, dass ich mich immer noch an meinen ersten, doch recht grausligen Kuss erinnere…

Das Verhalten der Anderen

Ob etwas normal ist oder nicht fragen wir uns auch sehr oft bei anderen Menschen. Ist es normal, nachts laut auf der Straße vor meinem Schlafzimmerfenster zu telefonieren, so dass ich nun ziemlich genau weiß, warum die Evelyne so eine gemeine Person ist?

Wissen manche Menschen nicht, wie groß ein Abstand von einem Meter bei der Supermarktkassa ist?

Ist es normal, den vertrockneten Weihnachtsbaum durch das ganze Stiegenhaus zu schleifen und die abgefallenen Nadeln einfach liegen zu lassen?

 

Für mich nicht – für viele andere schon. Normalität ist subjektiv und hängt von so vielen Faktoren ab: Erziehung, Werte, Mitgefühl für andere und auch die eigene momentane Situation. Ich galt Mal nicht normal, weil ich als einzige in der Runde keinen Alkohol trank…

 

Wenn du dich das nächste Mal also fragst: „Ist das noch normal?“ dann kann man das nur mit einer Gegenfrage beantworten: „Was ist schon normal?“

 

 

Wie sieht es bei dir aus? Hast du ein paar liebenswerte Eigenschaften, die andere als nicht normal einstufen? Ich bin gespannt!

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